Beim Lesen der Zeilen des neu erschienenen Buches «Die Wochenkinder» ist manchmal ein Schwall tiefer Trauer und Verlassenheit zu spüren. Die Tränen steigen auf, während der Kopf ungläubig über ein wenig beachtetes Stück ostdeutscher Geschichte schüttelt. All das rührt mich, obwohl oder gerade weil ich seit mehr als zwölf Jahren Menschen bei der Integration frühkindlicher Traumata begleite und in dieser Zeit unvorstellbares Leid aus der frühen Kindheit bezeugt habe.
Umso mutiger erscheint mir die Spurensuche in Alexander Teskes zweitem, Buch mit dem Untertitel «Frühe Trennung – späte Folgen», welches eine Wunde in der ostdeutschen Seelenlandschaft offenlegt. Doch Teske ist nicht nur ein neutraler Beobachter oder Journalist, der Fakten und Erfahrungsberichte sammelt und kontextualisiert. Teske ist selbst betroffen, wie er zu Beginn seines Buches schreibt. Das Buch beginnt mit seiner ganz persönlichen Geschichte.
Teske ist selbst Vater. Er gewährt den Lesern Einblicke in seine durch die eigene Vaterschaft angeregte Reflexion über die Bedeutung frühkindlicher Bedürfnisse. In diesem Buch begibt er sich auf eine Reise – eine Spurensuche. Sie beginnt bei ihm und seiner Erkenntnis über die Bedeutung der frühen Kindheit für das individuelle und gesellschaftliche Leben. Es geht um Bindung, Beziehungsfähigkeit und Schmerz. Viel Schmerz. Leid, das meist ungewürdigt bleibt, tabuisiert oder abgespalten wird und das Leben vieler Menschen beeinflusst.
»Etwa eine halbe Million Menschen ging in die Wochenkrippen – und wurde durch sie geprägt.« Das stellt Teske bereits am Anfang des Buches rein sachlich fest. Die Wochenkrippen gab es von 1949 an. 1992 wurde die letzte dieser Einrichtungen geschlossen. So schreibt es der Verein Wochenkinder e. V. auf seiner Website, auf der Menschen, die nach den ehemaligen Wochenkrippen suchen, Angebote für Selbsthilfegruppen und wertvolles Informationsmaterial finden. Der Verein ist eine wichtige Anlaufstelle für Interessierte und Betroffene.
Im Verlauf seiner Erkenntnisreise trifft Teske zahlreiche Wochenkinder. In den Gesprächen geht es um nächtliche Fixierungen, Züchtigung, Gewalt, Entfremdung, tiefe Verlassenheit, Ohnmacht und Bindungslosigkeit. Die Kinder wurden in der Regel sechs Wochen nach der Geburt von Montag bis Freitag fremdbetreut, um den Müttern das gesetzlich verpflichtende Arbeiten zu ermöglichen – entsprechend der DDR-Ideologie. Kern dieser Betreuungsphilosophie sind menschliche Kälte, Distanz und die Nichtbefriedigung existentieller menschlicher Bedürfnisse. Immer wieder trifft Teske Menschen, die den Mut haben, ihre Geschichte zu erzählen, und gibt dem Leser damit die Möglichkeit, das erfahrene Leid zu würdigen. Er sitzt sogar bei Jan Josef Liefers und Anna Loos am Küchentisch und tauscht sich mit ihnen über die Wochenkrippen der DDR aus.
Dies kann, wie oben erwähnt, mitfühlende Leser schockieren, aufrütteln und traurig machen. Vor allem aber macht es ein relevantes Puzzleteil der DDR-Geschichte sichtbar.
Stets verfolgt Teske dabei auch die Traumatisierungen der Eltern durch die eigenen Eltern, die ihre Kinder in Wochenkrippen gegeben haben. Durch den Krieg tief verletzte Menschen, gepaart mit der NS-Erziehungsideologie maximaler Kälte und Härte, sind nur bedingt dazu fähig, warme, nährende Bindungen zu ihren Kindern einzugehen. Deshalb sind diese ebenfalls traumatisiert und daher emotional so abgespalten, dass sie ihre Kinder fünf Tage die Woche von fremden Personen betreuen lassen. Ein zentraler Teil des Buches ist die Weitergabe von Traumata über Generationen.
Doch Teske trifft nicht nur die Wochenkinder, die den erlebten Horror teilweise verdrängt haben oder damit beschäftigt sind, ihre Geschichte so zu verarbeiten, dass sie beziehungsfähig werden. Er trifft auch damals aktive Erzieherinnen. So erhält der Leser auch einen Eindruck davon, wie das damalige Personal die schlimmen Zustände in den Wochenkrippen wahrgenommen hat. Für manche Kinder waren die Wochenkrippen sogar ein Segen, da die Zustände zu Hause noch feindlicher waren als in den kahlen Sälen mit Gitterbetten, in denen es an Spielzeug mangelte und in denen im Akkord geschlafen, gegessen und auf dem Töpfchen ausgeschieden wurde – egal, ob dies den kindlichen Bedürfnissen entsprach. So erzeugt eine Ideologie Konformismus und Entfremdung vom Selbst. Das wiederum dient dem Kollektivismus. Teilweise wurden den Kindern bei der Ankunft am Montag in der Krippe alle persönlichen Dinge abgenommen, inklusive ihrer Kleidung. Eine Methode der Entmenschlichung, die aus Gefängnissen bekannt ist.
Ein Hauch von Schuld durchzieht das ganze Buch, obwohl Teske das nicht forciert und stets um Verständnis und Mitgefühl bemüht ist. Die Eltern und Erzieher, die sicher meist intuitiv gespürt haben, dass sie Leid erzeugt haben, sind mit der Herausforderung konfrontiert, das Geschehen seelisch selbst zu verarbeiten. Das ist keine leichte Aufgabe. Manche verdrängen die Möglichkeit, Schmerz erzeugt zu haben. Manche rechtfertigen ihr damaliges Handeln damit, dass es für sie keine andere Wahl gab. Auf der anderen Seite haben die Betroffen ein Recht auf ihren Schmerz und die Suche nach Antworten. Bei manchen im Buch beschriebenen Schicksalen führt das zum Kontaktabbruch zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern.
Verdrängung oder Leugnung sind wiederum eine bewährte Bewältigungsstrategie à la »Meine Kindheit war super”«. Denn und das gilt heutzutage weiterhin: Nur sehr wenige Menschen wenden sich dem eigenen Schatten, dem verdrängten Schmerz zu.
Ein weiterer Teil des Buches gibt Wissenschaftlern aus den Bereichen frühkindliche Entwicklung und Bindungsforschung das Wort. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse über die enorme Bedeutung von Nähe, Wohlwollen, Kontakt und Sicherheit wirken die Praktiken der Wochenkrippen noch brutaler. Gerade die Bedeutung von Bindung und der durch die wiederkehrende Trennung von den Eltern verursachte Stress werden im Buch greifbar. Teske legt auch dar, dass die zuständigen Entscheidungsträger in der DDR über das Schädigungspotential der Wochenkrippen informiert wurden. Trotzdem wurde weitergemacht.
Am Ende dieser leicht lesbaren, aber nicht leicht verdaulichen Lektüre zeigt Teske, wie weit der kollektive Schmerzkörper der Wochenkinder in die Gesellschaft hineinreicht. Er besucht Selbsthilfegruppen in Deutschland und beschreibt, wie sehr sich die ehemaligen Wochenkinder noch immer damit beschäftigen, die traumatisierende Zeit in den DDR-Krippen zu bewältigen. Dabei geht es immer wieder um die Fähigkeit oder Unfähigkeit, Bindungen einzugehen.
Es gibt auch Beispiele, die Freude bereiten, in denen Menschen trotz erlebten Leids ihren eigenen Weg gehen und beispielsweise mit ihren eigenen Kindern einen ganz anderen bedürfnisorientierten Weg einschlagen.
Teskes Buch ist mutig, weil es persönlich ist und sich einem Thema widmet, das meist wenig Aufmerksamkeit erhält: der Traumatisierung unserer Gesellschaft. Es wendet sich dem Schmerz zu, statt ihn zu verdrängen, und zeigt auf, wie dieser persönlich und kollektiv Form annimmt. Damit tut Teske etwas, was viele Therapeuten, Psychologen oder Erziehungswissenschaftler abseits des Mainstreams schon seit Jahrzehnten tun. Sie erinnern uns daran, dass wir uns von uns selbst entfremden oder entwurzeln, wenn unsere elementaren Bedürfnisse nicht erfüllt werden. In der von mir angebotenen Gefühls- und Körperarbeit habe ich bereits hunderte Male erlebt, wie positiv es sich auswirkt, wenn Menschen die Verantwortung für ihr Leben übernehmen und sich auf die Spurensuche nach ihrem Schmerz begeben. Denn nur dann verliert dieser seine Macht über das Leben im Hier und Jetzt.
Im Laufe der Spurensuche ihres Sohnes wird Teskes Mutter mit ihrer Vergangenheit und den Wochenkrippen konfrontiert. Im Zuge dessen schenkt sie ihm ein Buch. In diesem beschreibt sie ihre Sicht auf die ersten Kindheitsjahre ihres Sohnes. Sie nennt es »Auf der Suche nach verlorenen Glück«. Fast den gleichen Titel trägt ein Buch von Jean Liedloff, das 1980 erstmals in Westdeutschland erschien und den bedürfnisorientierten Umgang einer indigenen Gruppe mit ihren Kleinkindern beschreibt. Der Untertitel lautet: »Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit«. Demgegenüber wirken die Wochenkrippen wie Einrichtungen, die die kindliche Glücksfähigkeit zerstören sollten.
Eine Gesellschaft, die sich darum bemüht, so wenige frühkindliche Traumatisierungen wie möglich – beginnend bei der Zeugung – zu verursachen, wird irgendwann nicht mehr nach einem verlorenen Glück suchen müssen, sondern wird es im Hier und Jetzt erschaffen. Teskes Buch zeigt, was es dafür zuerst braucht. Einen ehrlichen Blick auf die Vergangenheit.
Wer jedoch der Meinung ist, dass die Zeiten, in denen der Staat Kinder wie Objekte behandelte und ihr Wohl systematisch gefährdete, vorbei sind, irrt sich. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass alle zuständigen Institutionen und Verantwortlichen im Prinzip weiterhin dazu fähig sind, Kindern zu schaden – wenn auch nicht im Ausmaß der Wochenkrippen. Der Kindheitswissenschaftler Prof. Michael Klundt bezeichnete die Corona-Politik der Jahre 2020 bis 2023 im Deutschen Bundestag als »schwere Form der Kindeswohlgefährdung«. Er kam bereits im Sommer 2020 zu dem Ergebnis, dass »Kinderrechte weitgehend ignoriert wurden und Bund und Länder ihrer Verpflichtung zu Schutz, Beteiligung und Fürsorge für 13 Millionen Kinder nicht nachgekommen sind«. Kinder wurden wie «Objekte behandelt», so Klundt. Bereits im Februar 2020 wusste das Robert-Koch-Institut, dass Kinder weder gesundheitlich gefährdet sind, noch das Virus signifikant verbreiten.
Auch heute gibt es in Deutschland bundesweit unzulängliche Zustände in Krippen und Kindergärten. Die Betreuungsschlüssel sind so ungünstig, dass ein bedürfnisgerechter Umgang mit den Kindern mehrheitlich nicht möglich ist. Denn es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind ins Leben zu begleiten. Die Politik weiß um diese seit Jahrzehnten bestehenden Zustände. Ändern tut sich jedoch nichts.
Das Buch «Die Wochenkinder» von Alexander Teske erscheint am 23.09.2026 im Langen Müller Verlag, und umfasst 274 Seiten. Es ist ab sofort über den Verlag bestellbar. Mein Interview mit Alexander Teske zu seinem ersten ersten Buch »Inside Tagesschau» ist hier zu sehen.
Weitere Recherchen ermöglichen:
Bastian Barucker, GLS Bank, IBAN: DE02 4306 0967 1115 7847 01, BIC: GENODEM1GLS
PayPal: info@bastian-barucker.de (Link)
Betreff: Schenkung






